Dublin-Bremen und zurück Der Nordire Peter Graham fliegt regelmäßig ein, um für Werder in der Verbandsliga Tischtennis zu spielen

Ein paar seiner Freunde halten Peter Graham für verrückt. "Aber nur ein paar", sagt der Nordire lächelnd. Wobei: Ein bisschen verrückt muss man wohl sein, um das zu tun, was Peter Graham regelmäßig macht. Alle zwei bis drei Wochen fährt der 20-Jährige mit dem Auto von Belfast nach Dublin, setzt sich dort in den Flieger und jettet nach Bremen. Warum?Um in der Verbandsliga, der fünfthöchsten deutschen Spielklasse, für den SV Werder Bremen II Tischtennis zu spielen.

Freitagnachmittag, Ryanair-Flug FR 2906 Dublin-Bremen: Mit einer halben Stunde Verspätung landet Peter Graham in Bremen. Am Gepäckband drängeln sich Passagiere gleich mehrerer Flüge. Es dauert. "Aber kein Problem", sagt Graham schließlich, als er sein Gepäckstück, eine Sporttasche, vom Band gefischt hat. Was sind schon 80 Minuten Flug- und ein paar Minuten Wartezeit im Vergleich zum Gesamtaufwand, den der Jurastudent aus Belfast seinem Hobby zuliebe betreibt.

Acht Mal ist er in dieser Saison schon von der grünen Insel rübergekommen, diesmal für ein Spiel in Bremervörde. Das Ticket bezahlt der irische Tischtennisverband, für das Hotel greift Graham selbst in die Tasche. Eine Investition, die er gerne tätigt, denn die Erfahrungen, die er in Deutschland sammelt, sind für einen Tischtennisspieler aus Irland fast unbezahlbar. "Ich lerne mit jedem Spiel unglaublich viel dazu", sagt Graham, der eben dies nicht tun würde, wenn er ausschließlich in seiner Heimat spielen würde. Nicht mal 200 organisierte Aktive gibt es in Belfast, schätzt er. Eingegliedert in eine einzige Liga. Das Niveau? Weit unter dem der deutschen Verbandsliga. Da hilft es dann auch nur wenig, dass Grahams persönliche Trainerin eine gebürtige Chinesin und ehemalige irische Nationalspielerin ist.

Im Prinzip besitzt Irland, das Land des Fußballs und des Rugbys, nur eine Handvoll Spieler von Format. Es gibt einen Profi, der in England unter Vertrag steht, und einen in Schweden. Und eben ein paar von der Qualität Grahams, der aktuellen Nummer sieben der irischen Rangliste. Der "Belfast Telegraph", Grahams Heimatzeitung, nennt ihn anerkennend einen "topspin sharpshooter", einen Topspin-Scharfschützen.

Ein anderer herausragender irischer Spieler hört auf den Namen Colum Slevin. Der ist heute Nationaltrainer und hat früher mal für Werder gespielt. Und Colum Slevin war es auch, der seinem alten Teamkollegen und jetzigen Werder-Teamchef Sascha Greber im Sommer den Tipp gab, Graham doch für Werder spielen zu lassen. Eine Hand wäscht die andere. Werder verfügt im oberen Paarkreuz über einen Punktegaranten, Peter Grahams Einzelbilanz lautet: zehn Siege, sieben Niederlagen. Und Irlands Nationalcoach freut sich seinerseits über die Fortschritte, die sein Schützling in Germany macht.

Ein wenig war davon schon bei der WM in China Ende Februar zu sehen. Graham kam für Irland in allen elf Einzeln zum Einsatz, gewann allerdings nur zwei davon. "Ich war ziemlich nervös", gibt er zu. Außerdem kamen die Gegner in den WM-Spielen um die Plätze 61 bis 72 aus Guatemala, Malaysia, Venezuela, Finnland oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Mit anderen Worten: Graham musste sich auf "strange styles", wie er es nennt, also auf völlig ungewohnte Spielweisen, einstellen. "2010 bei der nächsten WM ist das vielleicht schon anders", sagt er, "im Moment fehlt mir noch ein wenig die Erfahrung."Die holt er sich in Bremen. Für zwei Nächte war er zuletzt da, musste nur in der Partie gegen Bremervörde ran, hatte endlich mal Zeit zum Bummeln, um die "kleine, ruhige Stadt" etwas besser kennenzulernen. Sonst packt Teammanager Sascha Greber ganz gerne auch schon mal zwei Werder-Spiele auf ein Wochenende, damit sich Grahams Anreise so richtig lohnt.

Aber egal ob ein Spiel oder zwei: Graham käme auch, wenn es nur ums Trainieren ginge. So sehr gefällt es ihm inzwischen. Gut möglich deshalb, dass auch in der nächsten Saison jeden zweiten oder dritten Freitag ein Jet aus Dublin mit einem Tischtennisspieler an Bord in Bremen einschwebt. "Dann aber lieber eine Spielklasse höher", sagt Peter Graham mit Blick auf Werders kleine Aufstiegschance. In der Oberliga, Deutschlands vierter Liga, wäre er dann schon angekommen. Immerhin. Und vielleicht verstehen ihn dann seine Kumpels ein wenig besser, wenn er wieder mal nach Bremen muss. Zum Tischtennis spielen.

Marc Hagedorn, Weser-Kurier